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BLICK ZURÜCK NACH VORN

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BLICK ZURÜCK NACH VORN
VON SHAWN PERINE

Mit den Planungsfertigkeiten eines Architekten und dem Geschick eines Handwerkers hat Richard „Der Magier“ Jones einen absoluten Weltklasse-Rücken entwickelt.

Gerade zu Anfang der gut 100-jährigen Geschichte unseres
Sports waren Bodybuilder zum größten Teil immer Athleten, die ständig nach vorne geschaut haben. Nur die wenigsten kümmerten sich genauso darum, ähnlich intensiv zurück zu schauen. Die klassischen Bodybuilderfotos zeigen meistens massige Kerle, die eine ganze Bandbreite von Posen vorführen, die alle eins gemeinsam haben – sie betonen die Frontpartie: Doppelbizeps-Pose, seitliche Brustpose, seitliche Trizepspose usw. Nur selten zeigen sich diese Bodybuilder von hinten.
Zwar war es nicht so, dass die Gründerväter unseres Sports einen gut entwickelten Rücken nicht zu schätzen wussten, aber die Prioritäten lagen ganz klar bei den Muskeln, die man von vorne sehen konnte. Also trainierte man Brust und Bizeps ungleich intensiver als den Latissimus und die Rückenstrecker.
In den späten 60ern dann tauchte Sergio Oliva auf den Bodybuilding-Bühnen auf und überzeugte mit einer bis dahin noch nicht da gewesenen Rückenentwicklung und einer ungeahnten Kombination aus extrem breiten und massigen Latissimus und den entsprechenden Posen, um das alles gut in Szene zu setzen.
In den 70ern war es Arnold Schwarzenegger, der das Publikum mit seiner dreiviertel eingedrehten Doppelbizepspose von hinten begeisterte und vor allem seine extreme Definition im mittleren Rückenbereich zeigte. Franco Columbu trieb diesen Trend noch weiter, indem er eine Latissimus-Pose von hinten zeigte, die stark an die Kopfform einer angriffslustigen Kobra erinnerte.
Samir Bannout legte die Messlatte für einen optimalen Rücken in den 80ern noch einmal höher. Der Begriff „Christmas Tree“ wurde aufgrund von Bannouts beeindruckenden Streckmuskeln der Rückenwirbelsäule erfunden. Lee Haney schließlich war es, der einen gut entwickelten Rücken im Profi-Bodybuilding praktisch ein für allemal zur notwendigen Bedingung machte und eine Rückenansicht präsentierte, die mehr Muskelmasse und eine bessere Definition offenbarte als die Vorderansicht der meisten seiner Konkurrenten. Seine Erben auf dem Mr. Olympia-Thron — Dorian Yates und Ronnie Coleman — sind seiner Marschrichtung gefolgt und konnten zu Recht für sich in Anspruch nehmen, den besten Rücken der Welt zu haben.
Während allmählich eine neue Generation Bodybuilder an die Weltspitze drängt, deutet alles darauf hin, dass ein intensiv trainierter Rücken seinen Siegeszug auch weiterhin fortsetzen wird. An vorderster Front dieses Trends steht ein Mann, von dem nicht wenige glauben, dass er schon bald den Bodybuilding-Olymp besteigen wird: Richard Jones.
Ohne eine schöne Terrasse ist das beste Haus nichts wert. Wenn Richard „Der Magier“ Jones von vorne als atemberaubend bezeichnet werden kann, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Jones’ Rückenansicht einem Schlag gegen den Solar Plexus gleichkommt – bei dem Anblick bleibt einem die Spucke weg. Während seiner gesamten Karriere konnte er vor allem dann Publikum und Kampfrichter überzeugen, wenn er ihnen den Rücken zugedreht hat.
Wenn der Gesamtsieger der U.S. Meisterschaft 2003 entspannt aufrecht steht, werden seine breiten und massigen Lats, seine extrem ausgeprägten Schultern und seine mit stählernen Muskeln bepackten Lenden auf beeindruckende Art und Weise sichtbar. Wenn er dann seine Arme nach oben streckt und seine Muskelberge anspannt, tut sich eine schier unglaubliche V-Form auf, bei der die Muskeln unter seiner Haut so stark hervorquellen, dass man Angst haben muss, seine Hülle könnte der enormen Belastung nicht stand halten. Dabei wird sein Rücken zu so etwas wie einer 3-D-Landkarte eines Bodybuilding-Paradieses, bei der die unzähligen Muskelberge die Gebirgslandschaften darstellen und die hervortretenden Adern für die Straßen und Flüsse stehen.
Jones wurde zweifels-ohne von Mutter Natur mit fantastischen Genen gesegnet, aber seine unglaubliche Rückenentwicklung hat weniger etwas mit Veranlagung und mehr mit wohlüberlegtem und intensivem Training zu tun. „Ein Haus hat immer vier Seiten“, so Jones etwas metaphorisch. „Wenn man ein Haus kaufen möchte und sich verschiedene Modelle ansieht, stellt man fest, dass die meisten von vorne mehr oder weniger gleich aussehen. Wenn man dann allerdings die einzelnen Häuser von hinten betrachtet, ist man von einigen deutlich mehr begeistert. Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen: Einige Häuser können auch von hinten wirklich überzeugen – sie haben eine tolle Terrasse, einen Pool etc., irgendetwas, das sie von den Nachbarhäusern deutlich unterscheidet.“
Trotz seiner beeindruckend breiten und massigen Lats weiß Jones, dass er aufgrund seines leichten Knochenbaus mehr als reine Masse braucht, um die Topleute im Superschwergewicht zu schlagen. „Ich weiß, dass ich von vorne nicht gerade der massigste bin, also muss ich mich besonders auf andere Blickwinkel konzentrieren, von denen aus meine Konkurrenten nicht so stark sind“, erklärt Jones ganz pragmatisch. „Wenn ich meine Seite zeige, fängt das schon langsam an. Wenn ich mich dann ganz von hinten zeige, zahlt sich meine Konzentration auf eine möglichst gute Definition aus, und so kann ich mein Massedefizit kompensieren. Bei vielen anderen stellt man in der Rückenansicht fest, dass Ihnen die vierte Seite zu einem wirklich vollständigen Haus fehlt.“
FANGEN WIR AN ZU BAUEN Wie jeder andere gute Maurer auch, beginnt Jones seine Arbeit an der hinteren Fassade anhand eines sorgfältig ausgearbeiteten Plans. Das war allerdings nicht immer so. „Bis 1997 hatte ich eigentlich keine Ahnung, wie man seinen Rücken richtig trainiert“, gibt er heute zu. Erst als er merkte, dass er sein Rückentraining mindestens so ernst nehmen musste wie das Training aller anderen Muskelgruppen, um bei den Amateuren möglichst weit nach vorne zu kommen, kam ihm eine Idee, die seinen Rücken zu einer seiner überragenden Stärken machen sollte. Beim Durchsehen der FLEX und Betrachten der Rücken, die er am meisten bewunderte, entwickelte er einen Bauplan, der sich aus den verschiedensten Elementen unterschiedlicher Bodybuilder zusammensetzte – Lee Haney, Dorian Yates und Ronnie Coleman. Gar keine schlechten Vorlagen für einen eigenen Plan.
Dann kam ihm eines Tages so etwas wie eine Erleuchtung. Er schaute sich seine Rückenübungen gründlich an und ihm wurde klar, dass er einen großen Fehler beging. „Ich habe die Gewichte vor allem mit meinem Bizeps gestemmt“, erinnert er sich. „Also habe ich mir vorgestellt, meine Arme seien einfach nur Haken, so konnte ich meinen Bizeps aus meinem Rückentraining raushalten. Die Fortschritte konnte ich sofort erkennen.“ Die Fortschritte waren sogar so groß, dass er 1997 bei den California Championships (bei denen er den Titel im Leichtschwergewicht gewann) schon mit den ersten Anzeichen seines phänomenalen Rückens glänzen konnte.
TRAUMVILLA Sprung nach vorne in das Jahr 2004. Jones hat sich schon jetzt einen der großartigsten Rücken im gesamten Bodybuilding gebaut, dabei hat er bisher noch keinen Fuß auf eine professionelle Bodybuilding-Bühne gesetzt. Die Premiere ist für die Night Of Champions am 22 Mai geplant. Der intelligente Bauherr Jones weiß allerdings auch, dass es nicht ausreicht, ein Meisterstück einfach nur zu bauen. Man muss auch wissen, wie man sein Kunstwerk am besten in Szene setzt. Wenn es darum geht, Body, Beats und Bewegungen effektiv miteinander zu kombinieren und die Muskeln so möglichst gewinnbringend vorzuzeigen, dann kann Jones, wie er bei der U.S. Meisterschaft 2003 gezeigt hat, eigentlich niemand das Wasser reichen.
Die perfekt fließenden Linien seines Körpers fanden in seiner nahtlosen Darbietung den entsprechenden Rahmen und zeugten von Anmut und Power zugleich. Inspiriert von den Auftritten eines Shawn Ray, Milos Sarcev und Flex Wheeler, schien Richard Jones seine Choreographie wirklich am Herzen zu liegen. Hier war endlich wieder jemand, der die eigentlichen Posen nicht durch Tanzen und andere Sekundärbewegungen ersetzt hat.
„Ich bin sehr stolz auf meine Posen“, so Jones. „Für mich geht es beim Bodybuilding vor allem um die Präsentation.“ Die Art und Weise wie man seinen Körper präsentiert ist genauso wichtig wie der Körper selbst, und der Auftritt auf der Bühne ist eine der wenigen Chancen, manchmal die einzige in einem ganzen Jahr, die man bekommt, um dem Publikum und der Jury zu zeigen, was man hat. Da muss man ganz einfach das Meiste draus machen!“
Genau das tut Jones – vor allem dann, wenn er dem Publikum den Rücken kehrt. Und weil sein Rücken jetzt definitiv zu einer seiner herausragenden Stärken zählt, kann er es sich leisten, beim Vorzeigen seines Rückens ein wenig Spaß zu haben und das Ganze mit ein paar dramatischen Elementen anzureichern.
„Ich beginne meine Choreographie gerne damit, dass ich dem Publikum zunächst nur ein bisschen von meinem Rücken zeige“, so Jones. Dann drehe ich mich um für die Doppelbizeps-Pose und Latissimus von hinten.“ Bevor Jones die Doppelbizeps-Pose von hinten zeigt, präsentiert er die für Sergio Oliva typische Rückenpose, bei der er seine Hände nach oben über seinen Kopf streckt. „So kann man hervorragend seine Definition von den Unterarmen bis zu den Waden zeigen. Diese Pose halte ich einen Moment, um dann mit voller Konzentration in die Doppelbizeps-Pose von hinten zu wechseln.“
Damit sind wir bei einer weiteren Stärke von Richard Jones. Bei den Vorteilen, die er sich dank seiner außergewöhnlichen Choreographie erarbeitet hat, überrascht es nicht, wie verwundert er darüber ist, dass seine Kollegen dem Posing in der Regel nur sehr wenig Aufmerksamkeit schenken. „Im Laufe der Jahre habe ich mit vielen Jungs gesprochen, die mir vor der Show gesagt haben, ‚Alles läuft prima, also werde ich bei meinen Posen einfach spontan improvisieren.’ Ich habe dann immer nachgefragt, ‚Was meinst du damit – einfach improvisieren? Du hast keine Choreographie?’ Für mich ist das so, als wenn Vladmir Klitschko ohne jede Taktik in einen WM-Kampf geht und sagt, ‚Ich habe mir keine Schlagkombinationen überlegt, ich werden einfach mal ein paar Rechte und Linke verteilen und meinen Gegner damit hoffentlich auf die Bretter schicken.’ Das ist doch verrückt! Für mich bedeutet Bodybuilding, 100% in ALLEN Bereichen zu geben.“
Wie sieht es damit aus, seine Glieder auf der Bühne nach den Beats zu schütteln? Dafür müsste doch in der Jones-Choreographie noch Platz sein, oder? „Wenn ich tanzen will, gehe ich in die Disco!“, erwidert Jones. Keine Sorge, Mr. Jones, dafür wird es im Mai bei der Night Of Champions in New York, der Stadt die nie
mals schläft, ausreichend Gelegenheit geben. Allerdings erst dann, wenn die Bodybuilding-Welt einen exklusiven Blick auf die Rückseite deiner Traumvilla werfen durfte.

MEIN RÜCKENTRAINING

1) KLIMMZÜGE MIT WEITEM GRIFF
„Jeder Bodybuilder mit einem guten Rücken hat vom ersten Tag an Klimmzüge gemacht. Ich lasse mich in der Ausgangsposition mit ausgestreckten Armen ganz runter hängen und ziehe mich dann soweit hoch, dass meine Brust die Stange berührt. Dort angekommen spanne ich fest an und stelle mir vor, dass ich auf einer Wettkampfbühne stehe und eine Doppelbizeps-Pose von hinten zeige. Wenn ich nicht alle Wiederholungen schaffe, drückt mein Trainingspartner meine Füße etwas nach oben, damit ich den Satz ordentlich zu Ende bringen kann.“
2) KREUZHEBEN
„Ich liebe Kreuzheben. Ich liebe diese Übung sogar so sehr, dass ich sie in meinem Rückentraining zweimal mache. Meist mache ich Kreuzheben nach Klimmzügen, dann mache ich eine Ruderübung und schließe das Ganze mit einer zweiten Runde Kreuzheben ab. Wenn ich Kreuzheben für meinen Rücken mache, stecke ich Querstreben etwas unterhalb meiner Kniehöhe in das Powerrack. Indem ich Teilwiederholungen mache, kann ich mich voll und ganz auf meine
Lendenregion konzentrieren und Gesäß und Beinbizeps raushalten. In den letzten zwei Wochen vor einer Show mache ich Kreuzheben im Supersatz mit Hyperextensions – so bekommt man eine besonders gute Definition im unteren Rückenbereich. Allerdings würde ich diesen Supersatz nur fortgeschrittenen Bodybuildern empfehlen.“
3) LANGHANTEL-RUDERN IN VORBEUGE
„Bei dieser Übung wechsele ich zwischen einem normalen und einem umgekehrten Griff, die meiste Power habe ich allerdings beim normalen Griff. Mit Rudern kann man sehr gut Masse zulegen, deshalb lege ich gerne möglichst viel Gewicht auf. Das darf allerdings nie zulasten einer perfekten Form gehen. Nur wenn man die Übung sauber ausführt, kann man seine Lats wirklich optimal isolieren. Manchmal mache ich auch
T-Hantel-Rudern, bei dem die Rückenmuskulatur etwas weiter oben und in der Mitte beansprucht wird.“
4) KABELRUDERN IM SITZEN
„Mit dieser Übung kann man die Lats hervorragend dehnen, und ich verdanke die Entwicklung meiner unteren Lats vor allem Kabelrudern im Sitzen. Ich habe Arnold Schwarzenegger immer auch für seine unteren Lats bewundert – wie sie scheinbar aus seiner Taille entspringen – also habe ich ein wenig mit unterschiedlichen Übungen experimentiert, um herauszufinden, welche ich am stärksten im unteren Latbereich spüre. Indem ich meinen Rücken durchdrücke und am Endpunkt der Bewegung anspanne, kann ich meine unteren Lats am besten isolieren und an meiner Definition feilen.“
5) KURZHANTEL-RUDERN
„Entweder ich knie mich auf eine Bank oder ich halte mich mit einer Hand an einem Kurzhantelständer fest. Ich fange an, indem ich die Hantel fast bis runter auf den Boden hängen lasse und bringe sie dann so weit wie möglich nach oben, ohne sie dabei zu schwingen. Diese Bewegung spüre ich in der gesamten Länge meiner Lats. Der besondere Kick ist die Streckung am unteren Endpunkt der Bewegung.“ FLEX

JUNI 2004





DIE HARDCORE-BODYBUILDING ZEITSCHRIFT NR. 1



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