|
INTENSITÄTS-NIVEAU MAXIMAL
Untitled Document
INTENSITÄTS-NIVEAU MAXIMAL
Der Motor des Hummers springt an, Hardrock tönt aus den Lautsprechern, ein
doppelter Espresso wird geschlürft: die Schlacht im Sportstudio steht bevor!
VON BRANCH WARREN
Amerikanischer Meister im Schwergewicht 2001
|
 |
Ronnie Colemans Bodybuilding-Karriere fing an, als ich ein Teenager war. Da ich
damals im selben Sportstudio trainierte wie er, folgte ich auch im Training seinem
Beispiel und machte die gleichen verrückten Trainingseinheiten wie er.
Mittlerweile habe ich mein eigenes Sportstudio, das Maximum Fitness in South
Lake (US-Bundesstaat Texas). Mein Trainingspartner ist Johnnie Jackson und unser
Kumpel ist Jay Moore, ein 118 kg schwerer Bodybuilder, der echt schwer trainieren
kann. Kein Wunder, dass unsere Trainingseinheiten ein bisschen überkandidelt
sind. Allerdings gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen Ronnie Colemans
Training und meinem: Er trainiert jede Muskelgruppe zwei Mal pro Woche, wogegen
ich jede Muskelgruppe nur ein Mal trainiere. Auf Grund meiner Arbeit und da ich
auch noch zur Uni gehe, habe ich einfach nicht so viel Zeit. Natürlich würde
ich lieber jede Muskelgruppe zwei Mal pro Woche trainieren, denn ich trainiere
wirklich sehr gern - je öfter, desto besser. Das war auch ein
Grund, warum ich mein eigenes Sportstudio eröffnet habe.
Andererseits habe ich jedoch nach ein paar Monaten, in denen ich jede Muskelgruppe
nur ein Mal pro Woche trainiert habe, entdeckt, dass sich meine Kraft erheblich
verbessert hat (vor ein paar Tagen habe ich mit 266 kg sieben Wiederholungen
im Kreuzheben gemacht, mein Trainingspartner Johnnie hat sogar 10 Wiederholungen
geschafft, woraufhin ich im Gegenzug 20 Wiederholungen Langhantel-Rudern mit
180 kg machte).
Ich trainiere nach wie vor alle Muskelgruppen nur ein Mal pro Woche, aber dafür
mit der doppelten Intensität. Unser Trainingsstil kann nur als totaler Wahnsinn
beschrieben werden. In gewisser Hinsicht ist es erschreckend. Die Leute im Sportstudio
schauen uns zu, aber sie halten einen sicheren Abstand zu uns. Bei jedem Training
gehen wir mit maximaler Intensität an die Sache. Der Nachteil daran ist
jedoch, dass die Verletzungsgefahr erheblich ansteigt. Die Problematik wird dadurch
noch weiter verstärkt, dass wir bereits seit zwei Jahren mit maximaler Intensität
trainieren und keine längere Pause eingelegt haben. Jedes Training geht
bis an die Grenze des Menschenmöglichen.
Wenn ich in Johnnies Sportstudio auf der anderen Seite der Stadt trainiere, schwinge
ich mich in meinen Hummer H2, schlürfe einen doppelten Espresso, werfe mir
ein paar Fettverbrenner ein und lasse den Hardrock aus den Lautsprechern dröhnen.
Selbst wenn wir in meinem Sportstudio trainieren, schwinge ich mich zuerst in
meinen Hummer H2, fahre ein paar Straßen weiter, schlürfe einen doppelten
Espresso, werfe mir ein paar Fettverbrenner ein und lasse den Hardrock aus den
Lautsprechern dröhnen. Die Hardrock-Musik und das Motorengeräusch von
meinem Hummer sind für mich die totale Motivation. Danach bin ich bereit
für die Schlacht.
Der Hummer hilft mir wirklich. Für viele Menschen ist ihr Auto ein Spiegelbild
ihrer Persönlichkeit. In meinem Fall ist das mit Sicherheit so. Wenn ich
alleine in meinem Hummer sitze, gehen mir alle möglichen Gedanken durch
den Kopf. Normalerweise visualisiere ich verschiedene motivierende Themen. Manchmal
stelle ich mir vor, ich wäre ein Gladiator, der sich auf den Kampf um Leben
und Tod vorbereitet und die Gewichte sind mein Gegner. Ich kann nicht zulassen,
dass die Gewichte mich besiegen. Sie dürfen mich nicht überwältigen.
Ich muss durch das Training durchkommen, egal wie - Schmerz und Anstrengung spielen
keine Rolle.
Wenn ich dann im Sportstudio ankomme, schwitze ich bereits. Ohne ein Wort mit
jemandem zu wechseln, gehe ich an die Trainingsmaschinen. Ich möchte nicht
unhöflich sein, aber ich habe mich die ganze Zeit auf das Training vorbereitet
und nun sind mein Körper und meine Psyche voll und ganz auf das Training
eingestellt. Daher gehe ich meistens lieber in Johnnies Sportstudio. Mein Sportstudio
ist mein Geschäft, aber mein Beruf ist das Training und diese beiden Dinge
widersprechen sich leider. Für viele ist es schwierig, das zu verstehen.
Viele Leute möchten sich während des Trainings mit mir unterhalten
und in meinem Sportstudio kann ich zu meinen Kunden nicht unhöflich sein.
Aber wenn ich im Training bin, muss ich trainieren. Daher gehe ich direkt ins
Training, fange mit dem Aufwärmen an und mache mich dann sofort an der ersten Übung
zu schaffen.
Zwischen Johnnie, Jay und mir besteht im Training ein gewisses Konkurrenzdenken,
aber nur insofern, dass es uns dabei hilft, mehr Leistung zu bringen. Wir machen
von Anfang an klar, dass keiner mit uns trainieren kann, der nicht bereit ist,
bis an die absolute Grenze zu gehen. Und das merkt man schließlich auch.
Unsere Trainingsintensität lässt sich nicht leugnen. Wenn jemand nicht
bereit ist, bis an die absolute Leistungsgrenze zu gehen, merkt man das im Training
sofort. Ich gebe bei jedem Satz 100% und das Gleiche trifft auch auf meine Trainingspartner
zu. Wenn jemand die nächste Wiederholung nicht schafft, liegt das einfach
daran, dass nichts mehr geht - es hat nichts damit zu tun, dass wir zu faul sind,
das Gewicht zu heben. Ein anderer Bodybuilder hat mit uns ein paar Mal trainiert
und wir haben ihm gesagt, dass er härter trainieren muss. Das tat er jedoch
nicht, worauf wir lieber ohne ihn trainiert haben.
Es geht nicht darum, wie viel Kraft man hat, sondern wie intensiv und hart man
trainiert. Schließlich sind wir Bodybuilder - Kraft spielt keine Rolle,
sondern die Trainingsintensität steht im Vordergrund. Ich habe schon mit
80 kg schweren Athleten trainiert, die nicht besonders stark waren, aber im Training
alles gaben und deshalb als Trainingspartner unschlagbar waren. Diese Athleten
hatten den brennenden Wunsch, ihre Leistung zu verbessern und etwas zu erreichen.
Ich trainiere lieber mit so einem Athleten, als mit einem 140 kg schweren Profi-Bodybuilder,
der diese Intensität und Motivation nicht besitzt. Man kann es regelrecht
spüren, wenn ein Athleten motiviert ist und bereit ist, alles im Training
zu geben. Entweder man ist es oder man ist es nicht. Manche Athleten können
einfach nicht so hart trainieren. Das kann man einfach sehen und fühlen.
Wir beschimpfen uns im Training nicht gegenseitig, sondern wir unterstützen
uns. Manchmal fällt während des gesamten Trainings kein einziges Wort,
weil wir so konzentriert auf das Training und die Trainingsintensität sind.
Wir wissen, was wir im Training zu tun haben und machen uns einfach an die Arbeit,
ohne weitere Worte zu verlieren. Das ist unglaublich motivierend. Natürlich
gibt es auch Tage, an denen ich müde bin und überhaupt keine Lust zum
Training habe. Wenn ich dann aber erst einmal im Sportstudio bin, verfliegt die
Müdigkeit und ich bin total motiviert. Ich kann mich nicht daran erinnern,
jemals ein schlechtes Training gehabt zu haben. Dies liegt daran, dass ich mich
auf jedes Training intensiv vorbereite. Wenn ich dann im Sportstudio bin, gibt
es nur noch eines: hart und intensiv trainieren. Ich weiß genau, wenn ich
mit Johnnie und Jay trainierte und keine Leistungen erbrächte, würden
mich die Beiden bei lebendigem Leibe aufessen.
Wenn einer von uns seinen Satz ausführt, ermutigen ihn gleichzeitig die
anderen mit Worten wie: „Mach noch fünf Wiederholungen. Du kannst
es schaffen. Mach weiter. Gib nicht auf!" Jeder hilft dem anderen bei seinem
Satz. Wir sind eine totales Team. Jeder kann fühlen, was der andere fühlt.
Wenn einer Schmerzen hat, haben auch die anderen Schmerzen. Wir geben uns gegenseitig
so viel positive Energie - im Grunde multiplizieren wir die positive Energie
mal drei. Das ist echtes Training! FLEX
|
|
|