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RICHARD "DER MAGIER" JONES

Untitled Document RICHARD JONES “DER MAGIER”
VON SHAWN PERINE

Wie der Gesamtsieger bei den U.S.-Meisterschaften 2003 einen unglaublichen Sieg gelandet hat, und wie er sich auf zukünftige Ruhmestaten vorbereitet.


Las Vegas ist eine magische Stadt. Wohl nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine ähnlich hohe Dichte an Magiern und Zauberkünstlern. Angefangen bei den absoluten Top-Illusionisten wie Siegried & Roy bis zu all den nicht ganz so berühmten Künstlern, die vor ihrem Namen einen Zusatz wie „Der fantastische...“ oder „Der unglaubliche...“ tragen, hat Las Vegas wohl mehr Zauberer zu bieten als irgend eine andere Stadt. An jedem beliebigen Abend kann man mehr als ein halbes Dutzend Spitzen-Magier auf den Bühnen der Stadt erleben.
Doch kein einziger Trick und auch kein ganzer Showact von irgendeinem dieser Magier ist mit der zauberhaften Leistung von Richard „Der Magier“ Jones bei der U.S. Meisterschaft 2003 vergleichbar. Die Darbietung von Richard Jones begann dabei eigentlich bereits in der Kabine vor seinem Auftritt. In normale Kleidung gehüllt, erschien Jones den meisten Leuten ein gut gebauter Typ zu sein – ziemlich kräftig, aber nichts wirklich Ungewöhnliches. Dann begann der Zauber: Als Jones anfing, sich für den Wettkampf zu entkleiden, kam es zu einer regelrechten Metamorphose. Seine 170 cm Leichtschwergewicht schienen sich urplötzlich zu dehnen und zu strecken, fast so wie ein junger Schmetterling, der sich aus seinem Kokon befreit. Als Jones dann fertig gebräunt und geölt war und seine Muskeln aufgepumpt hatte, war die Metamorphose hin zu einem perfekt proportionierten Körper, der plötzlich auch viel massiger erschien, vollendet. Auf einmal schien es keine Rolle mehr zu spielen, dass einige seiner Konkurrenten auf dem Papier fast 15 cm größer und über 30 kg schwerer waren. Sie hätten genauso gut zwei Meter größer und 250 kg schwerer sein können. So wie Jones aussah, hätte auch der Riese Goliath höchstpersönlich keine Chance gegen diesen modernen David gehabt.
Als er mit seinen 25 Konkurrenten im Leichtschwergewicht die Bühne betrat, erwärmte Richard Jones die Herzen des Publikums in der Artemus W. Ham Concert Hall mit seiner Imitation eines Chamäleons. Eingereiht in die Muskelmassen seiner Mitbewerber wartete Jones geduldig auf den richtigen Moment, um seine volle Pracht zu entfalten. Dann kam sein Aufruf: „Nummer 96, Richard Jones!“ Elegant zeigte er eine an Bob Paris erinnernde Doppel-Bizeps-Pose, in der sein 89 kg-Köper wie der eines Superschwergewichts erschien, und ließ die gesamte Konkurrenz vor den Augen des Publikums verschwinden. Und so ging es weiter, als er später seine atemberaubende Kür zeigte, und dann zurück auf die Bühne kam für die Wertung im Leichtschwergewicht und für die Gesamtwertung. Mit jeder neuen Pose – angefangen beim Doppelbizeps von vorne über Bauch bis zu den Oberschenkeln – schien sich Jones weiter von den Zwängen seiner Gewichtsklasse zu entfernen und sich immer mehr der absoluten körperlichen Perfektion zu nähern.
In einem Sport, wo das Motto „mehr ist besser“ lautet, hat es Jones geschafft, nicht nur sein Publikum sondern auch die Wertungsrichter davon zu überzeugen, dass „weniger mehr ist“ und dass sowohl der Titel im Leichtschwergewicht, als auch in der Gesamtwertung an diesem Abend ihm gehörten. Mit einer Kombination aus Form, Masse und Detail, die wir bei Amateurwettbewerben seit den frühen Auftritten seines Mentors Shawn Ray bei der U.S. Meisterschaft vor 16 Jahren nicht mehr gesehen haben, absolvierte Richard Jones sein Programm mit der scheinbar mühelosen Perfektion eines Uhrwerks und der imposanten Leichtigkeit des zuvor erwähnten Schmetterlings.
Seine magischen Qualitäten waren sogar so beeindruckend, dass er das einmalige Kunststück vollbrachte, als Leichtschwergewicht den Titel in der Gesamtwertung bei seinem ersten Wettkampf auf nationaler Ebene zu gewinnen. Die Leistung von Richard Jones, schon beim ersten Versuch eine Profi-Lizenz zu erringen, war die wohl fantastischste Illusion, die man am Abend des 26. Juli in Las Vegas bestaunen konnte.
Im Gegensatz zu seinen adrett gekleideten Kollegen (falls man die glitzerbehangenen Anzüge der Magier in Las Vegas als adrett bezeichnen kann) ist dieser Magier sogar durchaus bereit, uns seine Tricks zu verraten.
GEHEIMNIS GELÜFTET Trotz der magischen Aura, mit der sich Richard Jones auf der Bühne umgibt, hat er keine Bodybuilding-Geheimnisse, die er um jeden Preis bewahren möchte. Es gibt kein Netz oder doppelten Boden, kein Hintertürchen oder irgendwelche Asse, die er aus dem Ärmel zaubert (außerdem wäre in seinen Ärmeln bei den massigen Armen ohnehin nicht einmal Platz für eine Spielkarte) und auch keine Illusionen à la David Copperfield. Mit einer Form des gesunden Pragmatismus, die für Gewinnertypen kennzeichnend ist, lässt Richard Jones keinen Zweifel daran, dass sein Erfolg nicht auf einem Kartenhaus aufgebaut ist. „Vom ersten Tag an war es mein Ziel, eine komplette Muskelentwicklung zu erreichen“, so Jones. „Viele Bodybuilder wollen nur ihre Arme oder ihre Brust trainieren, weil sie damit in der Kneipe oder am Strand Eindruck schinden können. Ich wollte von Anfang an alles. Ich hatte eine echte Leidenschaft für jede einzelne Muskelgruppe und wollte ein perfektes Komplettpaket. Als Anfänger und nicht gerade massiger Typ war Bodybuilding für mich gleichbedeutend mit Lee Labrada und Shawn Ray. Das waren komplette Bodybuilder und so wollte ich auch werden. Ich wusste, dass ich durch Training an Masse gewinnen würde, aber mein Hauptaugenmerk lag immer auf dem Gesamtpaket. Auf dieses Ziel arbeite ich immer noch hin.“
1991 war Richard Jones – damals gerade 17 alt – ein vielversprechender Offensivspieler in der Footballmannschaft seiner High School. Er suchte nach einer guten Möglichkeit, mehr Muskeln zuzulegen und entdeckte das Bodybuilding für sich. Schon damals begann er, eine knallharte Trainingsroutine für sich zu entwickeln, die ihm schließlich zu einem nationalen Titel verhelfen sollte. „Ich halte mich an das Grundsätzliche und stehe auf Kurz- und Langhanteln. Ich mag Grundübungen wie Kreuzheben, Kniebeugen, Bankdrücken, Langhantelcurls und Schulterdrücken im Stehen.“ Und wie steht es mit Übungen an der Maschine? „Ich trainiere schon an Maschinen, wenn ich mich auf einen Wettkampf vorbereite oder wenn ich mich von einer Verletzung erhole. Manchmal mache ich auch Übungen an der Maschine, wenn ich etwas Abwechslung in mein Training bringen möchte. Maschinen sind gut für die Vielfalt, weil sie die Muskeln aus unterschiedlichen Winkeln beanspruchen.“
QUALITÄT SETZT SICH DURCH Obwohl Jones für die Grundelemente seines Trainings immer stärker zu den traditionellen Übungen der Powerlifter und Gewichtheber tendiert, hat er sich noch nicht ganz von den vermeintlich süßen Früchten des Trainings mit Höchstgewichten verführen lassen. „Ich denke beim Training mehr an die Qualität als an die Quantität. Schließlich bin ich Bodybuilder und kein Kraftdreikämpfer. Wie viel ich letztendlich im Bankdrücken schaffe, ist für mich nicht so wichtig, so lange meine Muskeln wachsen und sich entwickeln. Wenn ich da oben auf der Bühne stehe, spielt es keine Rolle, ob ich 50 kg oder 250 kg im Bankdrücken schaffe.“ Das heißt aber keinesfalls, dass Richard Jones mit leichten Gewichten trainiert. „Mir ist schon klar, dass schwere Gewichte in der Regel die Muskeln mehr stimulieren als leichte Gewichte. Wenn ich also auch so gut wie nie weniger als sechs und häufig sogar zwischen 12 und 15 Wiederholungen pro Satz mache, lege ich immer so viel Gewicht auf, dass ich die letzte Wiederholung noch so gerade mit sauberer Form ausführen kann. Ich will das Bodybuilding so lange wie möglich betreiben. Auf keinen Fall möchte ich meine Karriere vorzeitig beenden, weil ich mit zu schweren Gewichten trainiert habe. Wenn man auf Dauer zuviel Eisen draufpackt, beansprucht man seine Sehnen und Bänder viel zu sehr. Ich möchte meine Muskeln entwickeln und dabei gesund bleiben. Verletzungen kann ich mir nicht leisten. Außerdem weiß ich, dass ich niemals der absolute Masse-Typ sein werde. Ich verlasse mich bei Wettkämpfen vor allem auf meine Form, wenn ich mir also eine Muskelzerrung oder einen Muskelriss zuziehe, wäre es das Aus für mich. Damit würde ich mir mein ganzes Programm kaputt machen, und das ist es schließlich, wofür ich am besten bekannt bin.“
Richard Jones ist fest davon überzeugt, dass man beim Training immer aktiv sein sollte, anstatt zwischen den Sätzen lange Pausen einzulegen. „Ich versuche, mich beim Training an einen zügigen Rhythmus zu halten, weil ich so auch etwas für meine Ausdauer tun kann und auch außerhalb der Saison meine schlanke Figur besser halten kann. Das heißt natürlich nicht, dass ich kein extra Ausdauertraining betreibe. Aber ich muss in dem Bereich nicht ganz so viel tun, weil ich einen Teil bei meinem Bodybuilding-Training erledige. Dieser schnelle Rhythmus im Training sorgt für einen enormen Pump. Und das ist nicht nur psychologischer Natur: „Ich glaube, dass die Muskeln jedes mal wachsen, wenn man sie beansprucht und Blut hineinströmt.“
Da überrascht es nicht, dass Jones auch bei seiner Ernährung eine klare Linie verfolgt. „Bei meiner Ernährung unterscheide ich gar nicht so stark zwischen Aufbau- und Wettkampfphasen. Auch während der Aufbauphase halte ich mich ziemlich genau an meine Ernährung. Natürlich greife ich auch ab und zu mal zu einem Cheeseburger oder einem Stück Kuchen, aber dabei achte ich auch darauf, dass ich mir diese Ausnahmen wirklich verdient habe. Wenn ich also vorhabe, abends mal bei meiner Ernährung zu „sündigen“, dann mache ich an dem Morgen zusätzlich 30-60 Minuten Ausdauertraining. In der Wettkampfvorbereitung nehme ich es dann peinlich genau mit meiner Ernährung.“
ENCORE! Richard Jones’ Erfolgsformel für Bodybuilder – Konzentration auf das Gesamtpaket, zügige Trainingsgeschwindigkeit mit schweren Gewichten und eine bewusste Ernährung während des ge-samten Jahres – sind nicht unbedingt die Elemente, die uns an Magie glauben lassen. Aber zweifelsohne sind die Ergebnisse, die Jones bisher damit erzielt hat einfach zauberhaft und werden sicher auch in Zukunft noch für das ein oder andere Kunststück sorgen. Noch immer skeptisch? Dann bestaunen Sie doch einfach den weiterentwickelten und noch besseren 95 kg schweren Richard Jones bei seinem nächsten Auftritt bei der Night Of Champions 2004! Die Chancen stehen gut, dass auch Sie an Zauberei glauben, wenn Sie ihn erst einmal live auf der Bühne gesehen haben. FLEX
JANUAR 2004





DIE HARDCORE-BODYBUILDING ZEITSCHRIFT NR. 1



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